Text des Monats

Monat 05/2022:
Mir gett’s net gutt von Sabine Meyer

Über die schlechten Stellen im dicken Fell

Das Gedicht Mir gett’s net gutt der saarländischen Mundartautorin Sabine Meyer ist Mundarttext des Monats im Mai 2022, darauf hat sich das Kolloquium der Bosener Gruppe geeinigt. Dieser Text wurde ausgewählt, so Karin Klee, Autorin und Sprecherin der Gruppe, weil darin ein Seelenzustand beleuchtet wird, der mehr denn je Teil der aktuellen Gemütsverfassung vieler Menschen geworden ist.

Zur Bosener Gruppe gehören:

Über den ausgesuchten Text schreibt der Autor und Sprecher der Bosener Gruppe Peter Eckert:

Es ist ein langes, langes Klagelied, das Sabine Meyer ..., ja was eigentlich? Spricht, murmelt, stöhnt, weint, jammert? Ja, in diesem Text kommt Jammer zur Sprache, nicht aggressiv, nicht anklagend, nicht fordernd. Einfach Jammer, aus dem die Klagende einen Ausweg sucht, aber vorerst nicht ahnt, wo sie ihn finden könnte. Immerhin gibt sie in der letzten Zeile dem Seelenzustand seinen Namen. Aber die Diagnose steht wohl ohnehin längst fest für die meisten, die ihn lesen oder hören: „Ich hann die Flemm“. Ja, die Flemm, eine knappe Bezeichnung für etwas, was kaum zu zählende Nuancen und Facetten haben kann. Hartnäckig hält sich hierzulande das Gerücht, „Flemm“ sei ein echt saarländischer Ausdruck. Weit gefehlt! Ein Blick in die Wörterbücher der Nachbarregionen zeigt, dass er auch dort in gleicher Bedeutung bekannt ist, in Luxemburg, Lothringen, Elsass, Rheinland-Pfalz und wohl auch ein Stück darüber hinaus.

Der knappe Begriff „Flemm“ charakterisiert Situationen, die es bei einzelnen Menschen aus ganz ureigenen persönlichen Gründen sicher zu allen Zeiten gab und gibt. Ob sich dergleichen zu einer echten Depression auswächst oder ob nach Regen wieder Sonne kommt, weiß man erst hinterher. Indessen ist es aber wohl keine leichtfertige Behauptung, dass gerade die Jetztzeit und die aktuellen Geschehnisse weit über das übliche Maß hinaus zu Klagen Anlass geben. Freilich könnte man sagen: Wohl dem, der davon „nur“ die Flemm hat und nicht Schlimmeres ertragen muss. Dennoch: Auch wenn sich Sabine Meyers Flemm-Monolog nicht gerade um „Sein oder Nichtsein“ dreht, wäre er doch allemal geeignet, auch den Klagen anderer Menschen Inhalt und Stimme zu geben.

Sabine Meyer war mit diesem Text 1987 Preisträgerin des Saarländischen Mundartwettbewerbs, der „Goldenen Schnawwel“ folgte 1993, und 1995 war sie saarländische Teilnehmerin des Bosener Mundartsymposiums.

Mir gett’s net gutt

ch brauch e Paus von eich,
ich brauch mich grad mo
selbscht am meischde.
Ich muß mich jetzt mo
um mich kemmare,
for mich alän sen,
wie e Dier,
das sich zereckzieht
wenn’s dodwund es.
Ich brauch ganz ähnfach
mo e bißje Zeit
for mich un mei Gedange
widda en die Reih se krien.
Ich hätt so gär, daß jemand
for mich do ess
un well doch eigentlich
gar käna siehn.
Ich hann e Knacks,
ich muß e bißje ahn ma flicke,
ich muß ma erscht mo selwa
widda mo genuch sen –
dann kann ich
wenn’s sen muß
widda Bäm ausreiße,
nur jetz grad
ben ich zimmlich ferdisch.
Mei dickes Fell
hat schlechte Stelle –
ich muß es schone
un ich losses widda wachse –
ich zei ma selwa, daß das gett.
Ich muß e bißje ahn ma bastle
vielleischt muß ich sogar
was ännare –
ich wäs noch net,
das kann ach jeda nur
for sich alän –
holl mich ganz ähnfach ernscht
un glaab ma’s –
ich well dich domet net belaschde –
nur –
es ess halt so,
mir gett’s net gutt,
loss mich en Ruh –
ich hann die Flemm.

Sabine Meyer